Aktueller Rechtsfall: Vorgehen bei sexueller Belästigung

«Wie kann man sich am besten gegen sexuelle Belästigung wehren», wollte ein Mitglied des SBPV telefonisch erfahren. Da ein entsprechendes Vorgehen von vielen Faktoren abhängt, gibt es keine allgemein gültige Antwort. Im konkreten Fall stellte sich heraus, dass es nicht um einen Einzelfall ging und unsere bisherigen Erfahrungen sprengte, da alle Mitarbeiterinnen Probleme mit dem Filialleiter der Bank hatten.

Neben anzüglichen Bemerkungen und taxierenden Blicken berichteten praktisch alle betroffenen Mitarbeiterinnen über konkrete Aufforderungen, dass man sich auch mal gemeinsam im Hotel vergnügen könnte. Auch wurden die Mitarbeiterinnen gegen ihren Willen betatscht und geküsst und mussten persönlichkeitsverletzende Bemerkungen über andere Mitarbeiterinnen anhören. Dabei konnten sie sich denken, dass auch über sie selbst so gesprochen wurde. Zudem wurden in diversen Meetings die Kleidung und Figur der Mitarbeiterinnen vom Filialleiter benotet. Aufforderungen, dass er sich zurückhalten solle, halfen leider nichts. Auch die männlichen Kollegen wussten nicht zu helfen, obwohl ihnen dieses Verhalten alles andere als recht war. 

All dies führte dazu, dass die betroffenen Mitarbeiterinnen sich nicht mehr allein mit dem Filialleiter ins Büro wagten und sich gut überlegten, was sie anziehen, damit es keine zusätzliche Aufmerksamkeit gab. Zusätzlich problematisch war auch, dass der Filialleiter jeweils sofort über allfällige Kontakte mit der Personalabteilung der Bank informiert wurde.

Wie bei sexuellen Übergriffen üblich, ging es bei diesem Fall insbesondere um Machtausübung. Der Filialleiter machte den Mitarbeiterinnen denn auch klar, dass sie keine Chance gegen ihn hätten, da er über alles Bescheid wisse und auch sofort seitens der Bank informiert würde.  Zudem hielt er jeweils auch wichtige Unterlagen wie Leistungsbeurteilungen oder Ferienanträge unter Verschluss und drohte, diese nicht auszuhändigen oder anzunehmen, wenn man nicht spuren würde. Dies führte dazu, dass auch das Misstrauen untereinander gross war. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis sich die neuen Mitarbeiterinnen getrauten mit ihren Kolleginnen darüber zu sprechen.

Aus all diesen Gründen sahen die betroffenen Frauen nicht, wie sie sich intern gegen den Filialleiter wehren sollten. Das Fass zum Überlaufen brachte schliesslich eine neue Kollegin, die voller Elan zu arbeiten begann, aber schon nach kurzer Zeit wieder kündete. Einige der anderen Mitarbeiterinnen sprachen sich daraufhin ab und nahmen Kontakt auf mit dem SBPV. Nach einem gemeinsamen Treffen, bei welchem diverse Möglichkeiten besprochen wurden, informierte der SBPV direkt die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat der Bank und wurde kurz darauf von Vertretern der Bank empfangen.

Die anonym gesammelten Vorwürfe gegenüber dem Filialleiter waren gut dokumentiert, so dass die Bank innert kürzester Frist durchgriff und den Filialleiter freistellte. Darüber hinaus wurden den Mitarbeiterinnen auch interne Gespräche und externe psychologische Unterstützung angeboten.  

Rechtliche Grundlage:

Verschiedene rechtliche Bestimmungen schützen Arbeitnehmende vor sexueller Belästigung. So schreibt Art. 328 OR grundsätzlich vor, dass der Arbeitgeber im Rahmen seiner Fürsorgepflicht sexueller Belästigung vorzubeugen und dafür zu sorgen hat, dass einem Opfer keine weiteren Nachteile entstehen. Das Gleichstellungsgesetz (GlG) soll zudem insbesondere vor Diskriminierung aufgrund des Geschlechts schützen. Die sexuelle Belästigung wird als Diskriminierung angesehen und gleich definiert. Als sexuelle Belästigung gilt jedes belästigende Verhalten sexueller Natur oder ein anderes Verhalten aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, das die Würde von Frauen und Männern am Arbeitsplatz beeinträchtigt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Verhalten während der Arbeit oder bei einem Betriebsausflug stattfindet. Bei der Beurteilung kommt es auch nicht auf die Absicht der handelnden Person an, sondern wie das Verhalten bei der betroffenen Person wahrgenommen wird, wobei eine objektivierte Betrachtungsweise angewendet wird. Weitere Schutzvorschriften beinhaltet das Arbeitsgesetz, wobei es hier primär um die Gesundheit der Arbeitnehmer geht.

Quelle: https://www.hrtoday.ch/de/article/sexuelle-belaestigung-was-sagt-das-schweizer-arbeitsrecht