Blockchain ist die nächste Revolution

14. Januar 2017

Eine Technologie ist dabei, die Finanzbranche durchzuschütteln. Blockchain kann Überweisungen, Kredite und Wertpapierhandel schneller und günstiger machen – und Institute abschaffen.

 

Die erste Transaktion der Crypto-Währung Bitcoin liegt bereits acht Jahre zurück. Sie wurde damals vom Programmierer und geheimnisumwitterten Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto getätigt. Die Bankenwelt nahm damals davon keine Notiz. Wie sollte auch ein digitales Pseudo-Geld, ausgedacht von einem Verschlüsselungsexperten, mit dem klassischen Bankgeschäft wie Überweisungen, Kredite sowie dem Kauf und Verkauf von Wertpapieren zu tun haben?
Heute dämmert es. Die neue Technologie Blockchain, die hinter Bitcoin steckt, hat das Potenzial, alle Mächte, die wir heute kennen, zu stürzen und Banken sowie Börsen früher oder später überflüssig machen. Alles, was wir in den vergangenen zwei Jahrhunderten aufgebaut haben, um grosse Prozesse zentral zu steuern, wird von dieser Technologie der radikalen Dezentralisierung infrage gestellt.
Also setzten die Banken ihre schlauesten Köpfe auf das Thema an, um Lösungen für die sich abzeichnende Zukunft zu finden. Die Zeit drängt. Bereits sind viele innovative Unternehmen um die Blockchain-Technologie, die sogenannten Fintech-Firmen, entstanden. Sie wollen den angestammten Banken ihr Geschäft streitig machen.
Keine Vermittler mehr notwendig
Doch was ist Blockchain? Kurz: Blockchain ist eine Art digitaler Kontoauszug, der aus aneinandergereihten Datenblöcken besteht und Informationen über alle Transaktionen in sich selber enthält. Eine Transaktion nach der anderen wird in Blöcken (deshalb auch das englische Wort «block» im Namen) registriert und diese jeweils versiegelt. Jeder Block wird an den vorherigen angedockt und mit einer Andockstelle für den nächsten Block versehen. Daraus entsteht die Kette (englisch «chain»).
Eine der bemerkenswertenEigenschaft en der Blockchain- Technologie ist, dass alle Transaktionen im Nachhinein nicht manipulierbar sind: Was einmal stattgefunden hat, lässt sich in der Buchhaltung nicht ganz anders darstellen.
Auch sind alle Transaktionen für alle Beteiligten jederzeit einsehbar: Wie die Fliege im Bernstein kann man sie sehen und untersuchen. Manche dieser Transaktionen sind auch mit einer Bedingung verbunden: Wenn Ereignis A stattgefunden hat, wird automatisch Transaktion B durchgeführt. Die «Blockchainer» nennen dieses Prinzip «Smart Contract », schlauer Vertrag, weil er selbst erkennt, ob und wie der Vertrag erfüllt wurde. Mensch? Nicht mehr notwendig.
Auf der Grundlage der Blockchain-Technologie kann jeder mit jedem Geschäft e machen, auch wenn man sich nicht kennt, geschweige denn vertraut. Transaktionen werden machbar, ohne dass ein Vermittler benötigt wird. Die Banken, die die ordnungsgemässe Abwicklung von Transaktionen heute garantieren, werden in einer Blockchain-Anwendung nicht mehr benötigt.
Michael Osborne, Blockchain-Experte am IBM Research Lab in Rüschlikon, fasst es wie folgt zusammen: «Die Kontrolle im System kann aus dem Zentrum herausgenommen und auf die Enden verteilt werden», sodass am Ende gar kein Zentrum wie die Bank mehr gebraucht wird. An die Stelle der Banken als Vermittler tritt ein System, in dem alle Beteiligten ihren Beitrag zum Gesamtvertrauen leisten. Eine Art Demokratisierung des Systems setzt sich in Gang.
Es wird klar, dass es hier um mehr als nur um eine neue, digitale Methode geht, um Transaktionen durchzuführen und zu registrieren. Mit der Blockchain-Technologie kann es gelingen, die Plattform-Monopole der Banken zu stürzen.
Deshalb sind es nicht zufällig die Banken, die sich als erste Branche intensiv mit der Blockchain- Technologie auseinandersetzen. In extra aufgebauten Einheiten forschen Institute wie die amerikanische Citigroup, die Deutsche Bank und die UBS in ihrer eigenen Denkfabrik UBS Y rund um Blockchain.
Gross ist die Angst, den Anschluss zu verpassen, wenn das weltweite Geldgeschäft in den nächsten Jahren revolutioniert wird. Es erinnert an die frühen 90er-Jahre, als das Internet aufkam. Auch damals ahnten alle, dass dies die Welt verändern könnte. Allerdings wusste damals noch niemand, in welche Richtung genau.

Alles wird schneller und günstiger
Jeder Finanzvertrag, vom Kredit bis zum Wertpapierkauf, kann in der Blockchain verpackt werden. Auf diese Weise soll alles schneller und letztlich günstiger werden – für grosse genauso wie für kleine Anleger. Von der Orderaufgabe bis zur Lieferung der Wertpapiere könnte es in Zukunft nicht einmal mehr zehn Minuten dauern. Heute sind es bei vielen Banken im Durchschnitt zwei Tage. Am Ende würde davon jeder Anleger profitieren, da die Ordergebühren erheblich sinken. Auch Geldtransfers können zu einem Bruchteil der heutigen Kosten und Zeit erfolgen.
Das junge US-Unternehmen Ripple, das auf Blockchain setzt, verschickt Geld schon heute innerhalb von zwei bis sechs Sekunden rund um den Erdball, so schnell wie eine E-Mail von der Schweiz an die Westküste der Vereinigten Staaten braucht.

«Schlaue Verträge»
Ein weiteres Stichwort, das bereits oft im gleichen Atemzug mit Blockchain genannt wird, ist «Smart Contract». Die Idee dahinter ist, dass künftig Vertragstexte in Kurzform in die Datenkette eingebaut, die Klauseln dann im Falle der Fälle automatisch ausgeführt werden.
Ein Beispiel: Zahlt der Kreditnehmer eines Autokredits pünktlich seine Raten, gibt es keine Probleme. Doch sobald er säumig wird, lässt sich sein Auto nicht mehr starten, die Bordelektronik ist blockiert, im Display erscheint die Aufforderung, die ausstehende Rate zu zahlen.
Gleicher Gedanke, ein anderes Beispiel: BeiUnternehmensanleihen könnte nicht nur der Eigentümer in der Blockchain festgehalten sein, sondern auch die Anweisung, dass zum Zeitpunkt X der Coupon in Höhe Y an den Anleger Z ausgezahlt werden muss.

Digitale Wertgegenstände
Durch die Blockchain-Technologie kann jeder nachvollziehen, wer, was, wann und wo gemacht hat. Der Gewinn daraus wäre die juristische Eindeutigkeit. Ein Musiker könnte zum Beispiel sein Lied oder ein Künstler seine Fotografie mit der Blockchain verbinden und damit absichern, dass fortan kein anderer mehr Urheberrechtsansprüche erhebt. Dadurch würden sogenannte «digital Assets», digitale Wertgegenstände entstehen. Und mit Wertgegenständen kennen sich die Banken aus. Sie könnten zum Beispiel einem Eigentümer Geld leihen. Der in der Blockchain vermerkte Gegenstand wäre dann die Sicherheit für den Kredit.
Durch die Technologie würden diese Möglichkeiten in jedem Fall das Selbstverständnis der Branche grundlegend verändern, da sie – wie bisher – keine eigenen Riesenrechner mehr benötigen würden, um alle Transaktionen zu tätigen und die Daten zu speichern. In den vergangenen 50 Jahren haben alle Banken eine zentrale und teure IT-Infrastruktur für sich aufgebaut. Durch Blockchain entsteht die Möglichkeit, dass sich alle eine Infrastruktur teilen. In Zukunft würden alle Beteiligten quasi im Kreis sitzen und auf die gleichen Datenstränge zugreifen können. Alle hätten zur gleichen Zeit Zugriff auf die gleichen Informationen. Erheblich niedrigere IT-Kosten wären die Folge.
Der harte Wettbewerb und die immer höher werdenden Auflagen der Regulierer haben bei allen Instituten das Thema Sparen ganz oben auf die Agenda gesetzt. Gerade das einst so florierende Kapitalmarktgeschäft ist mittlerweile sehr teuer geworden. Deshalb könnte für die Banken die Blockchain-Technologie eine Chance sein. Durch Blockchain könnten die IT-Kosten deutlich sinken. Und es würden auch weniger Mitarbeiter benötigt. Im Investmentbanking geht man von Einsparungen in Höhe von 50 bis 70 Prozent aus.

Blockchain wird den Markt durchschütteln
Diejenigen, die die Geschwindigkeits- und Kostenvorteile aus der Blockchain-Technologie als Erste für sich nutzen, werden grosse Wettbewerbsvorteile haben. Die Technologie wirkt wie ein Katalysator und wird den Markt neu sortieren.
Nicht nur die Banken, auch die Börsen haben die Chancen erkannt. Bob Greifeld, Chef der US-Technologiebörse Nasdaq, kündigte unlängst an, den vorbörslichen Handel überBlockchain laufen zu lassen, also den Handel von Aktien, die noch nicht an der Börse gelistet sind.
Er ist der festen Überzeugung, dass die Technologie «für die Wall Street von grundlegender Bedeutung » sein werde. Die Vorteile für die Branche seien immens und könnten nicht ignoriert werden. Mit der Blockchain-Technologie wolle die Nasdaq umständliche administrative Funktionen modernisieren, rationalisieren und absichern, so Greifeld.
Fasst die Technologie in der Börse Fuss, müssten sich all die Menschen, die sich mit der Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren heute beschäftigt – und das sind viele, neue Aufgaben suchen.

Die Wolke macht die Blockchain erst möglich
Heute sind die meisten Marktteilnehmer damit beschäftigt, den Mechanismus von Blockchain besser zu verstehen. Sie experimentieren mit der Technologie im kleinen Massstab. Fest steht aber, dass die Technik funktioniert. Das hat die Kryptowährung Bitcoin bereits eindrücklich bewiesen. Noch fehlt der Nachweis, dass sie auch für die riesigen Kapitalmärkte mit ihren ungeheuren Summen und Informationen geeignet ist. Umstritten war bisher, ob die Rechnerkapazitäten ausreichen würden, um etwa Ketten mit allen Transaktionsdaten des billionenschweren Anleihemarktes zu bauen. Mit der Virtualisierung der Rechenzentren scheint dieses Problem bereits gelöst zu sein. Wenn es zu Engpässen in der Rechenkapazität kommt, bucht man einfach noch etwas in der Cloud dazu. Willkommen in der Wolke.

Eine dezentralistische Ordnung
Das Grössenwachstum bei den Banken wurde bisher angetrieben von den steigenden Kosten für die IT-Infrastruktur und die immer höheren regulatorischen Auflagen durch die Behörden. Weil die Margen aufgrund der Kostenentwicklung sanken, musste auf der Einnahmenseite Masse her, um die Gewinnziele zu erreichen. Gleichzeitig wurde auf der Kostenseite versucht, mit Sparprogrammen die Kosten zu senken, indem man einzelne Unternehmensaufgaben an Tochterfirmen ins billigere Ausland ausgliederte.
Was wird aber nun passieren, wenn durch die Blockchain-Technologie die Transaktionskosten drastisch sinken? Der finnische Unternehmer und Blockchain-Experte Esko Kilpi argumentiert: «Wenn die Transaktionskosten in der gesamten Gesellschaft so drastisch sinken wie derzeit, müssen sich Form und Logik ökonomischer Einheiten zwangläufig ändern.» Laut Kilpi werden mittelfristig keine Unternehmen mehr sein, da andere Organisationsformen günstiger sind. «Eine traditionelle Firma ist fast automatisch die teurere Alternative. » Und damit dem Untergang geweiht.
Kilpi steht nicht alleine da mit seiner Zukunftsvision. Auch Michel Bauwens, der belgische Veteran der Peer-to-Peer-Bewegung, argumentiert, dass die Stelle, die bislang die Unternehmen einnehmen, von den Menschen selbst eingenommen werden könnte: «Die Blockchain kann die Transaktionskosten menschlicher Kollaboration so weit senken, dass bürgerschaftliche Selbstorganisation die vorherrschende Wertschöpfungsvariante in unseren Gesellschaften wird.»

Noch ist Zeit
Die Entwicklung von zentralen zu dezentralen Organisationsmustern in Wirtschaft und Gesellschaft wird lange dauern. Von der ersten Eisenbahnstrecke (1830) bis zum ersten Konzern im heutigen Sinn (Standard Oil Trust, 1882) vergingen auch ein halbes Jahrhundert. Wir können uns also auf eine lange Übergangsfrist einstellen.
Nichtsdestotrotz haben die Veränderungen durch Blockchain bereits eingesetzt und der Wettbewerb um die Vorreiterrolle im Einsatz der Technologie ist entbrannt. Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Wir wissen nicht genau, wo uns diese Veränderungen hinführen werden. Sie werden aber unser aller Leben massgeblich beeinflussen.

Weg von zentralistischen, hin zu dezentralen Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft.
Und sind es nicht gerade wir in der Schweiz, die mit dezentralen Strukturen bestens vertraut sind? Ich meine ja. Dieses Wissen und die Erfahrungen darin richtig eingesetzt, könnten sich vielleicht zu unserem nächsten Standortvorteil entwickeln und die Schweiz zum Zentrum der Blockchain-Gesellschaft machen.
Im November 2015 schlug Bhagwan Chowdhry, Professor für Finanzen an der University of California in Los Angeles, Satoshi Nakamoto als Kandidaten für den Nobelpreis für Ökonomie in Würdigung seiner Erfindung des Bitcoins vor. Die Richtlinien erlauben jedoch keine Kandidatur von Personen mit ungeklärter Identität.