Ältere Arbeitnehmende in der Finanzbranche

Steckbrief: Guido Müller
Mitarbeiter Backoffice, Buchhaltung und Zahlungsverkehr bei der Raiffeisenbank Aadorf

Seit wann arbeiten Sie im Bankenbereich und was hatte Sie zum Einstieg in diese Branche bewogen?

Seit dem 1. August 1988. Ich machte einen Wechsel aus einer völlig anderen Branche. Mir standen verschiedene Richtungen offen. Es war sicher auch ein Zufall, dass es mich in die Bankenbranche verschlug.

Was waren die grössten Veränderungen in Ihrem Arbeitsumfeld seit Sie in der Bankenbranche arbeiten?

Der technologische Fortschritt, aus den Anfängen der IT bis zur vollen Vernetzung. Die immer kürzer werdenden Abläufe im Arbeitsprozess. Immer wieder dachte man, so das ist es jetzt, aber immer wieder gab es Neuerungen, noch mehr, noch schneller. Die zweite grosse Veränderung erfolgte im Bereich mit dem Umgang der Kunden. Identifikation – Geldwäscherei – Regulatorien. Der Kontakt wurde unpersönlicher und direkte Begegnungen seltener. Der Aufwand wurde zudem immer grösser.

Welche waren die ausschlaggebenden Faktoren, die zu Ihrem Burnout im Jahr 2017 führten?

Nach sehr vielen Jahren gab es grosse Umwälzungen in der Bank sowie einen
gewichtigen Personalwechsel in der Führungsetage. Viel wurde erneuert
und vieles wurde in Frage gestellt. Manch ein «Stein» wurde umgewälzt. Ich stellte mich immer den Herausforderungen, war immer sehr
interessiert an Neuerungen, wollte immer das Beste geben.

Wie konnte es nach 30 Jahren Anstellung beim selben Arbeitgeber so weit kommen?

Durch die immer grösser werdenden Herausforderungen wurde es auf einmal zu viel. Zudem stimmte es auf der menschlichen Ebene nicht mehr. Ich dachte, das schaffst du schon, mach weiter. Ich bin einer, der positiv denkt. Ich hatte auch immer sehr viel Freude an der Arbeit. Man verdrängt sicher vieles. Und dann kommt es eines Tages zu einem Knall, nichts geht mehr… 

Auf welche Unterstützung konnten Sie in dieser schwierigen Zeit zählen?

Die wichtigste Unterstützung bekam ich von der Familie, Bekannten und Freunden. Selbst die Nachbarschaft war mit Worten und Taten sehr hilfreich. Während der ganzen Zeit fühlte ich mich sehr gut aufgehoben. Ich holte und bekam auch Unterstützung vom Hausarzt / der Psychiaterin / Klinik / Sozialdienst / IV-Stelle und, nicht zu vergessen, vom Bankpersonalverband. Eine grosse Hilfe war sicher auch, dass ich immer offen mit meiner Krankheit umging.

Als es mir wieder besser ging, war ich während einer gewissen Zeit bei einer Outplacement-Firma in Obhut, die mich sehr gut geleitet hat, damit ich nochmals eine Chance im Arbeitsmarkt erhalte. Dies wurde von meinem ehemaligen Arbeitgeber organisiert und bezahlt.

Was empfehlen Sie jemanden, der/die Anzeichen eines Burnouts bei sich feststellt?

Nicht zögern und auf keinen Fall falsche Scham an den Tag legen. Meine Frau hat mich sofort zum Hausarzt gebracht, der super reagiert und mich an eine Psychiaterin weitergewiesen hat. Ich fühlte mich beim Hausarzt und der Psychiaterin sehr gut aufgehoben und das Gefühl, dass ich verstanden werde und sie mir helfen möchten. Wichtig dabei ist, die Hilfe anzunehmen.

Wie muss man sich die Behandlung in einer Burnout-Klinik und eine anschliessende ambulante Behandlung vorstellen?

Beim Eintritt erfolgten Gespräche, um den Ist-Zustand festzuhalten. Ansonsten wurde ich die ersten zwei Tage einfach in Ruhe gelassen. Die Medikation wurde angepasst. Anschliessend wurde in Zusammenarbeit mit mir ein Wochenplan erstellt, gefüllt mit Einzel- und Gruppentherapie. Die Therapiestunden waren auf die einzelnen Tage von Montag bis Freitag aufgeteilt. Am Wochenende durfte ich für 24 Stunden nach Hause. Auch während den therapiefreien Zeiten konnte ich mich frei bewegen. Ich habe mich immer sehr viel unter die Menschen gemischt, weil ich merkte, dass es mir gut tat.

Nach 6 Wochen wurde ich wieder entlassen. Zuerst war ich wöchentlich, danach alle 10 bis 14 Tage zur ambulanten Betreuung bei meiner Psychiaterin. Dabei ging es darum, wie ich mich fühle, was ich spüre. Auch wurde dabei die Medikation laufend überprüft und angepasst. Ich führte während der ganzen Zeit mein Tagebuch, um meine Gedanken, meine Gefühlswelt und mein Befinden aufzuschreiben.

Welche konkrete Unterstützung erhielten Sie in dieser Situation vom SBPV?

Ich weiss noch genau, wie ich in meiner Verzweiflung via E-Mail an den Bankpersonalverband gelangte. In sehr kurzer Zeit hat sich ein Rechtsanwalt bei mir gemeldet. Er ist mir während einer sehr langen Zeit mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

Welche Veränderungen braucht es, damit sich ältere Mitarbeitende am Arbeitsplatz wohl fühlen und das Risiko von psychischem Stress eingedämmt wird?

Rücksicht nehmen, ältere Arbeitnehmende sind vielleicht nicht mehr die Schnellsten. Aber die Erfahrungen, die sie mitbringen, sind nicht zu unterschätzen. Und jeder «junge Mitarbeitende» soll daran denken, dass auch er einmal ein «älterer Arbeitnehmender» wird. Generell gilt es, den Mitarbeitenden als Menschen zu behandeln und nicht nur als Nummer. Bei meinen Bewerbungen als Ü57 wurde mir mehrmals bescheinigt, dass ich zu alt, zu teuer und überqualifiziert sei. «Eigentlich überflüssig», der Eindruck, der so entstehen kann. Und die Politik redet weiterhin von Arbeiten bis 66, 67 Jahre..!

Denken Sie, dass der Fokus auf die Grundkompetenzen der richtige Weg ist, um die Arbeitsmarktfähigkeit zu stärken?

Die Grundkompetenzen sind sehr wichtig. Was ich während meiner Arbeitslosigkeit immer wieder hören musste, ist, dass ich mein Können und meine Erfahrungen nicht so unter den «Scheffel» stellen soll. Gerade älteren Menschen ist es zu wenig bewusst, welch grosses Wissen sie mit sich tragen. Oft wird das als selbstverständlich angesehen, dabei sollte es gross herausgestrichen werden.