«Sonst bleiben der Schweiz nur die Risiken»

9. Juli 2013

In den Grossbanken sei heute ein internationales Management am Werk, dem Profit mehr bedeute als die Marke «Swiss Banking», sagt Peter Wyder, Zentralpräsident Bankpersonalverband, zu finews.ch
Herr Wyder, in der Bankbranche ist viel in Bewegung. Weissgeldstrategie, drohende Klageflut, Auslieferung von Kundendaten, automatischer Informationsaustausch, Margenerosion usw. Wie beurteilen Sie den Zustand unserer Bankindustrie?
Die Bankbranche befindet sich in einem grossen Umbruch. Das grenzübergreifende Vermögensverwaltungsgeschäft muss völlig neu organisiert werden. Von der Margenerosion aufgrund der tiefen Zinsen und der tiefen Handelsvolumen sind alle Institute betroffen. Es wird ein paar Jahre dauern, bis sich die Situation neu einpendelt. Der Finanzplatz hat aber in allen Bereichen gute Chancen, sich neu auszurichten.
Wie  beurteilen Sie den Job der Schweizer Politiker und der tangierten Verbände wie Bankiervereinigung oder Bankpersonalverband?

Die politischen Auseinandersetzungen in den letzten Monaten haben gezeigt, dass die Finanzindustrie stark an Glaubwürdigkeit und Rückhalt in der Politik eingebüsst hat, was nach all den Skandalen auch nicht weiter erstaunt.
«Ich wünsche mir weniger Wahlkampf»
Das gegenseitige Verständnis muss wieder wachsen, allerdings fehlt es im Moment an einer klaren einheitlichen Richtung der Banken und an Repräsentanten, die diese glaubwürdig vertreten. Die Politik gibt die Richtung nicht klar vor, allerdings ist dies aufgrund der raschen Entwicklungen nicht so einfach. Trotzdem wünsche ich mir etwas mehr Weitsicht und weniger Wahlkampf.
Was ist aus Sicht des Bankpersonalverbandes der wesentliche Unterschied zwischen Plan A von Bundesrätin Eveline Widmer Schlumpf und dem nun präsentierten Plan B?
Mit Plan A wäre eine gesetzliche Grundlage geschaffen worden, die es den Banken erlaubt hätten,die von den US-Behörden geforderten Unterlagen zu liefern. Mit Plan B fehlt diese gesetzliche Grundlage, und es ist zu befürchten, dass vermehrt Lieferungen durch Gerichte blockiert werden, mit nicht absehbaren Konsequenzen für das von den US-Behörden festgelegte Programm.
«Es drohen Arbeitsplatzverluste»
Die Mehrheit des Parlamentes hat hier unverantwortlich gehandelt und setzt eine Einigung der Banken in diesem Streit aufs Spiel. Falls das Programm deshalb scheitert und es tatsächlich zu Anklagen gegen Banken kommt, kann dies auch zu Arbeitsplatzverlusten in der Schweiz führen.
Erwarten Sie in absehbarer Zukunft signifikante strukturelle Veränderungen auf unserem Finanzplatz?
Falls der Margendruck anhält und die Kosten aufgrund der Umsetzung der Weissgeldstrategie und weiterer regulatorischen Auflagen noch weiter steigen, wird dies vermehrt zur Überprüfung der internen Kosten führen. Weitere Zusammenschlüsse von Banken oder die Auslagerung einzelner Tätigkeiten sind nicht auszuschliessen, dies kann jedoch auch in der Schweiz erfolgen.     
Welche Banken – Grossbanken, Kantonalbanken, Raiffeisenbanken, Regionalbanken, Lokalbanken – werden nach Ihrer Ansicht die Gewinner, wer die Verlierer der absehbaren Strukturveränderungen sein?
Die Geschäftsmodelle der einzelnen Bankentypen sind sehr unterschiedlich. Meines Erachtens ist es aufgrund des grossen Wettbewerbes entscheidend, wie der Kunde bedient wird. Dabei spielen sicherlich die Preise der Dienstleistungen eine wichtige Rolle aber auch der persönliche Service und das Profil/Image der Bank.
«Ich sehe Chancen für kleinere Institute»
Deshalb sehe ich durchaus Chancen für die kleineren Institute. Für KMU’s und grössere Unternehmen braucht es die Grossbanken mit ihren internationalen Geschäftsfeldern.
Fraglich bleiben somit die Mittelgrossen: Hier sehe ich wegen dem Sicherheitsaspekt gute Chancen für Kantonalbanken mit Staatsgarantie. Interessant bleibt die Entwicklung bei der Postfinance, die bisher vom guten Image der Post profitiert hat und bereits über ein grosses Volumen verfügt.
Welche Gefahr für die Arbeitsplatzsituation sehen Sie im Thema Outsourcing, also die Auslagerung bestimmter, qualifizierter Tätigkeiten ins Ausland, sprich: Billiglohnländer?

Die Gefahr ist vorhanden, denn gerade in den Grossbanken ist heute ein internationales Management am Werk, dem Profit mehr bedeutet als die Marke «Swiss Banking». Ich bin jedoch der Auffassung, dass der Kunde nach wie vor Diskretion wünscht, und es unter diesem Aspekt fraglich ist, welche Daten im Ausland bearbeitet werden dürfen.
«Es ist problematisch, auszulagern»
Ich finde es auch problematisch, wenn die Lohnbuchhaltung der Mitarbeiter ausgelagert wird. In der IT gibt es offenbar einen riesigen «Lohn-Gap» zwischen den gut Qualifizierten im Ausland und in der Schweiz. Ich glaube aber, dass die Löhne dieser Leute in Polen oder Indien stark steigen werden.
Generell gilt: Es muss dem Kunden gegenüber volle Transparenz bestehen, wer die Bankdienstleistungen wo abwickelt. Eine Swissness-Debatte muss auch im Dienstleistungsbereich geführt werden, ansonsten bleiben der Schweiz am Schluss nur noch die Risiken, wenn alles schief läuft, wie der Fall UBS eindrücklich aufgezeigt hat. 
Erwarten Sie einen wachsenden Druck auf die Durchschnittslöhne in der Bankbranche? 
Die Reduktion der Boni hat bereits zu Lohneinbussen geführt. Auch die Fixlöhne vieler Mitarbeiter wurden in den letzten Jahren kaum erhöht. Zu flächendeckenden Lohnsenkungen ist es bisher nicht gekommen. Auch bei den laufenden Industriealisierungsprojekten gehen wir prinzipiell nicht von Lohnsenkungen aus.
«Die Situation ist nicht mit 1918 vergleichbar»
Trotzdem beobachten wir die Entwicklung mit Sorge, denn letztlich stehen wir in einem Verteilungskampf, wobei diesmal mit den Bankangestellten eigentlich die Kernpopulation des Mittelstandes betroffen ist. Wir machen periodische Lohnerhebungen und sind im Rahmen der Sozialpartnerschaft mit dieser Frage befasst. Zur Zeit gilt ein Branchenminimallohn von 50‘000 Franken.
Sorge bereitet uns die Situation im Tessin und in Genf. Beide Plätze sind stark in der Vermögensverwaltung engagiert und grenznah. Zur Zeit wird die Allgenmeinverbindlichkeit der VAB geprüft. Streik ist das letzte Mittel, wir sind aber der Meinung, dass wir die Probleme im Gespräch mit den Banken besser lösen können. Die Situation heute ist nicht mit derjenigen des grossen Bankenstreiks vor dem Landesstreik 1918 zu vergleichen.
Welche Zukunft attestieren Sie Bankarbeitsplätzen in der Schweiz?
Die Anforderungen an die Mitarbeiter sind in den vergangenen Jahren laufend gestiegen, verbunden mit einer Spezialisierung. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen.
«Entscheidend ist ein weltweiter Marktzutritt»
Für die Anzahl der Arbeitsplätze ist nun entscheidend, dass die Schweizer Banken weltweiten Marktzutritt haben, damit die Standortvorteile der Schweiz wie politische Stabilität, eigene Währung, Rechtssicherheit und vor allem sehr gut qualifiziertes Personal weiterhin arbeitsplatzrelevant bleiben. Die rasche Lösung der Schwarzgeldprobleme sind hier entscheidend, denn mit der EU sind Verhandlungen blockiert, wenn dieses Dossier nicht rasch erledigt werden kann.
Was kann der Bankpersonalverband für einen gedeihlichen Finanzplatz mit intakten Arbeitsplatzchancen, volkswirtschaftlich weiterhin bedeutenden Faktor, zuverlässigen und guten Steuerzahler konkret tun?
Der Bankpersonalverband setzt sich seit 95 Jahren für faire Arbeitsbedingungen ein, die jedoch mit dem Gedeihen des Finanzplatzes eng zusammen hängen. Die Neuausrichtung bietet grosse Chancen, wobei diese motiviertes und gut ausgebildetes Personal erfordert.
«Viele Entscheide führten zu Unverständnis»
In der jüngsten Vergangenheit haben viele Entscheide im Personalbereich wie Bewertungssysteme und Auslagerungen ins Ausland zu grossem Unverständnis geführt. Jeder Mitarbeiter braucht Respekt, Anerkennung und muss Vertrauen in seine Vorgesetzten haben können. Solche Prozesse müssen besser mit den Personalvertretern abgestimmt werden. Ohne eine gute Sozialpartnerschaft mit fairen Arbeitsbedingungen wird die Neuausrichtung nicht gelingen.
Das Interview ist erschienen am 9. Juli 2013 auf www.finews.ch>.