Wie ich lernte, mich mit der digitalen Welt zu arrangieren

18. Januar 2017

Mobiltelefone, Tablets und Laptops, Infoscreens und verkabelte Menschen umzingeln uns. Als Senior kann man skeptisch auf diese schöne digitale Welt blicken und Distanz wahren wie zu einem Hund, der die Zähne fletscht. Besser ist es jedoch, Frieden zu schliessen mit den neuen Technologien als unvermeidliche Weggefährten. Und ein bisschen skeptisch darf man ruhig bleiben.
Um es vorwegzuschicken: Ich bin so alt, dass ich nicht verstehe, warum Jugendliche in Gelächter ausbrechen, wenn ich von Schallplatten rede. Nicht von Schellackplatten wohlgemerkt, die empfand auch ich in jungen Jahren schon als antik. Es gab bei uns zuhause keinen Fernsehapparat, wohl aber ein Röhrenradio mit einer Sendersuchskala. Dort fand ich Namen wie Falun oder Kalundborg, Exotik pur, denn niemand kannte diese Orte. Erst der Schulatlas zeigte den Reiseweg dorthin. Nach Falun kam ich bis heute nicht. Dafür an noch spannender klingende Orte wie Jokkmokk oder Mo i Rana. Nie wollte ich wissen, wie das Wetter gerade ist in Falun oder wie der Bürgermeister heisst. Ich hätte theoretisch anrufen können im Rathaus, denn wir hatten ein Telefon, genauer gesagt einen Tischfernsprecher W48, schwarz, schwer und stabil. Aber Telefonieren war teuer, man rief niemanden zum Spass an. Klingelte das Telefon, war es wichtig und man fasste sich kurz.
Nun aber rasch raus aus dem grauen analogen Zeitalter, will doch keiner mehr wissen. Oder halt, da fällt mir noch etwas ein. Ein Modewort damals war «manipulieren» und es war nicht gemeint, am Moped zu schrauben. Die Erkenntnis wuchs, dass in der Gesellschaft Bürger und Konsumenten Einflüssen ausgesetzt waren. Politologie und Soziologie emanzipierten sich als Studienfächer, Volkszählungen wurden boykottiert, dem Schnüffelstaat die lange Nase gezeigt.
Heute ist alles anders. «Übrigens, ich habe mich von Susanne getrennt, erzähle es bitte nicht weiter, es weiss noch niemand», tönte es neulich im Tram. 50 unfreiwillige Ohrenzeugen hatten Mitleid mit der unbekannten Verlassenen. Ich kenne auch viele Krankengeschichten und unfähige Mitarbeiter von Mobiltelefonierern beim Namen: «Hat doch der Meier…». Und inzwischen erschrecke ich nur noch selten, wenn mir vor sich hin brabbelnde Menschen begegnen. Ich wundere mich lediglich über den anscheinend recht oft schlechten Empfang, der die Kommunizierenden zum Schreien zwingt. Andererseits kenne ich das noch vom alten WP48.
Erstaunlich, wie visionär der Zeichner Karl Arnold 1926 war, als er im Simplicissimus mit dem Untertitel «Drahtlose Telephonie» wichtigtuerisches Telefonieren auf der Strasse karikierte. Echt Eindruck schinden konnte, wer in den 1960ern eines der wuchtigen und super teuren Autotelefone besass. Und heute telefonieren 12 Millionen Schweizer ganz kommod und recht billig digital mit dem Nationalen Autotelefon, dem Natel. Die Deutschen mit dem Handy. Aber was heisst schon Telefonieren? Das scheint inzwischen den Älteren vorbehalten, also der Generation, die nicht gelernt hat, rasend schnell mit beiden Daumen auf kleinsten Feldern herumzutippen – auch wer mit dem Zeigefi nger tippt, outet sich als spät Hinzugekommener. Alle anderen nutzen SMS, MMS oder viel häufiger andere Dienste wie «Was geht?», die zur endlosen Kommunikation mit definierten Usern verlockt.
Diese Programme kosten in der Regel nichts, haben aber ellenlange AGBs, die die meisten per Klick und immer ungelesen bestätigen. Als Skeptiker habe ich den Eindruck, ich verkaufe dabei meine Seele. Dabei sind es nur meine Daten und zwar weit mehr und detaillierter, als ich sie damals zäh bis zum Bussgeldbescheid bei der Volkszählung dem Staat vorenthalten habe.
Andererseits ignoriere ich meine Zweifel weitgehend, wenn es um die eventuellen Strahlengefährdungen geht. Das Deutsche Bundesamt für Strahlenschutz rät pragmatisch zu vorbeugendem Gesundheitsschutz: Kurz telefonieren (wie damals also), Kopfhörer oder Ohrstöpsel verwenden, SMS nutzen und das Festnetztelefon, sofern noch vorhanden. Mehr als 50 Prozent der Kunden eines grossen deutschen Mobilfunkanbieters, die älter als 60 sind, benutzen bereits ein Smartphone. Der Wunsch nach Information im Internet hat auch bei Graumelierten rasant zugenommen. Fast jeder Anbieter bietet Schulungen für Senioren an, der Markt ist umkämpft, da stellen die Älteren eine dankbare Zielgruppe dar. Immer noch wird geworben mit Seniorentelefonen ohne Schnickschnack, dafür mit grossen Tasten, einem guten Display und bester Tonwiedergabe – sicher alles notwendig, wenn die Sinne schwächeln. Aber die meisten Menschen über 60 sind doch heute rüstig und agil und wollen teilhaben am digitalen Leben. Das ist gut so, denn der Fortschritt auf diesem Sektor läuft ja auch nicht mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wir haben eine Schonfrist, weil die Verwaltungen behäbig waren in den vergangenen Jahren und das Potenzial der Digitalisierung nicht so drastisch vorangetrieben haben wie die Privatwirtschaft.
Ein Blick nach Estland zeigt, wohin die Reise gehen wird. Das kleine Land ist ein Labor in Sachen IT und Trendsetter der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. «Die Sim-Karte als Personalausweis? Ohne Bargeld zahlen? Parlamentswahlen per e-Voting? Firmengründung fast ebenso schnell online, ohne Notar und andere Hürden? Alles kein Problem. Weit mehr als hundert staatliche Dienstleistungen können Esten mit dem elektronischen Ausweis in Anspruch nehmen», lobte die Süddeutsche Zeitung bereits vor einem Jahr. Mit einer persönlichen ID-Nummer können sich Bürger bei Behörden, bei der Bank, beim Schliessen von Verträgen und beim Arzt ausweisen. Die digitale Signatur gilt so viel wie die handschriftliche.
Bei diesem kompletten Datenaustausch unter Behörden und Institutionen, Banken und Ärzten, Kaufhäusern und Dienstleistern wird mir schon flau im Magen, ob ich ein Geheimnis habe oder nicht. Natürlich ist es verlockend, online den ganzen Steuerkram abzuwickeln, transparent für alle Beteiligten und rasch, Formulare nicht nur zu laden sondern auch gleich an die zuständige Behörde senden zu können, ohne Treppensteigen, Wartenummer ziehen, warten, warten. Aber ist wirklich jeder in der Lage, so ein e-Citizen zu werden, mit 70, 80 oder 90 Jahren auf dem Buckel? Nicht von der Hand zu weisen, dass man dann so richtig stigmatisiert ist ohne Zugang zum Netz.
Als Spassverderber fällt mir ein, dass ich kurz vor dem Bankencrash 2008 ein günstiges Sparzinsangebot der isländischen Kaupthing Bank annehmen wollte, jedoch keine eigene Mobiltelefonnummer hatte. So ging der Deal flöten und ich konnte mein Geld retten.
Ein Natel zu verweigern, wird heute Senioren kaum mehr möglich sein. Kinder, Enkel, Urenkel, alle sorgen für die Erreichbarkeit von Eltern und Grosseltern. Aber immer häufiger kümmern sich Menschen nach dem Berufsleben selbst um ihre digitale Teilhabe. Smartphone sowieso, aber auch Tablet und Laptop sind im Haushalt so zuverlässig anzutreffen wie der A+++ Kühlschrank oder der Flachbildschirm mit 127 Zentimeter Diagonale.
Rüstige Rentner buchen ihre Reisen selbst, bezahlen online und speichern die Fahrkarte mittels Application (oder darf man Anwendung sagen? Ist ja schon bemerkenswert, dass man mit dem Digitalkram auch gleich Englisch lernen muss oder kann!)) auf dem mobilen Telefon. Wie wird das Wetter und das Biowetter morgen? Regen? Dann les ich die Sonntagspredigt am Computer und spare mir den Weg in die Kirche. Was sagt der Chefkoch, wie lange muss ich das Boeuf bourguignon marinieren? Vieles wird so einfach, die Welt kommt ins Haus, auch wenn man nicht mehr so gut zu Fuss sein sollte. Ein Klacks, per Webcam den Rathausplatz von Falun anzuschauen oder in der Mediathek Fernsehsendungen, die man verpasst hat. Oder Lebensmittel bestellen, die frei Haus geliefert werden, wo es schon lange kein Lebensmittelgeschäft mehr gibt am Ort?
Ich hoff e auch, dass die Reife und Abgeklärtheit des Alters hilft, online-Suchergebnisse auf Wahrhaftigkeit und Relevanz abzuklopfen, wird einem doch, wie sollte es anders sein, allerlei Mist aufgetischt.
Schon lange weiss man, dass Schreiben auf der Schreibmaschine, Klavier- oder Akkordeonspielen gut für das Gedächtnis ist, also wohl auch das Klappern auf der Tastatur eines Computers. Wichtig ist neben der Koordinierung wesentlich der taktile Reiz der Fingerkuppen, wo viele Nervenenden liegen. Weniger kreativ, aber ebenfalls tauglich ist das Klopfen mit den Fingern auf der Tischplatte, aber das nervt Anwesende und lenkt ab vom Thema.
Habe ich mich als Skeptiker geoutet, als über 60-Jähriger, der die digitalen Medien benutzt, aber nicht beherrscht, der warnt vor dem Nirwana der Datenflut und begeistert ist, von den Möglichkeiten, die das digitale Zeitalter bietet? Der konstatiert, dass digitale Abstinenz ins soziale Abseits führt und ergo ermuntert, dabei zu sein? Der sagt, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten ist, aber streng kontrolliert werden sollte? Der Angst davor hat, womöglich bald keine Geldscheine und keine Münzen mehr im Portemonnaie zu haben, wie es in Schweden eventuell in absehbarer Zeit Realität werden könnte? Der die Hoffnung hat, dass mittels Internet auch politische Themen diskutiert und lanciert werden, dass auch der elektronisch kontrollierte Bürger derjenige ist, der bestimmt, was geschieht im Staat?
Ich finde es beruhigend, wenn Menschen die digitalen Chancen nutzen, aber auch die direkte Kommunikation schätzen, am Esstisch das Natel ausschalten und im Zug ein paar Worte wechseln wollen und sich nicht abstöpseln, kaum dass sie Platz genommen haben. Ich habe mich nicht damit abgefunden, dass Jüngere wie blind und taub, das Natel in der Hand, durch den Stadtraum schwanken, nicht wissen, wo sie gerade sind, weil sie das schäbige Stück Pizza auf dem geteilten Foto eines Freundes bewundern und kommentieren müssen. Und da ist nicht die Technik schuld. Daher hoff e ich auf die aufgeklärten Grauen Panther, auf Menschen wie Du und ich, die die Technik nutzen, aber sich ihr nicht ausliefern.
Robert Schäfer
Jahrgang 1954, studierte Landschaftsplanung und Journalistik und schreibt seit 1980 über Stadt und Landschaft und die Menschen, die darin wohnen. Da er die Tücken der Technik kennt, rät er allen Senioren, sich rechtzeitig Fach- und Sachverstand zu sichern.