Frauen in der Finanzbranche: Lynn Bertholet

Profil:

Lynn Bertholet, stellvertretende Direktorin einer Genfer Privatbank mit Diplom der HEC Lausanne

Lynn Bertholet, 60 Jahre alt, arbeitet in einer leitenden Funktion bei einer grossen Privatbank auf dem Finanzplatz Genf. Aber erst am 15. Oktober 2015, also vor weniger als vier Jahren, wurde sie wirklich sich selbst. Davor führte diese elegante Frau, die seit ihrer Geburt im Körper ihres «Zwillings» gelebt hatte, ihre Karriere unter dem Namen Pierre-André. Ihre wahre Identität offenbarte sich von Kindheit an, mit dem Wunsch, Frauenkleider zu tragen und mit den Puppen ihrer Schwester zu spielen. Als Teenager hatte Pierre-André Schwierigkeiten, die Veränderungen zu akzeptieren, die die Pubertät seinem Körper auferlegte, was ihn aber nicht daran hinderte, ein ausgezeichneter Schüler zu sein. Sein Vater wollte, dass er Ingenieur wird, und der Sohn stimmte gegen seinen Willen zu, für zwei Jahre an der EPFL zu studieren. Dann entschied er sich, seinen eigenen Weg zu gehen und schrieb sich an der HEC Lausanne ein, während er sein Studium als Taxifahrer nachts finanzierte, weil sein Vater, wütend auf seine neue Ausrichtung, ihm den Geldhahn zugedreht hatte. Nach dem Abschluss kam Pierre-André zu der UBS in Genf, dann zur Caisse d’épargne de Genève, die schliesslich zusammen mit der Banque hypothécaire die Banque Cantonale de Genève (BCGE) gründete. Pierre-André Bertholet spielte eine sehr aktive Rolle im Fusionsprozess, war Mitglied des Steuerungsausschusses des Unternehmens und setzte seine Karriere bei der BCGE fort, wo er die Abteilung «Immobilien- und Bauunternehmen» leitete. Von 2002 bis 2007 war Pierre-André Bertholet Professor an der Genfer Hochschule für Betriebswirtschaft und beteiligte sich an der Erstellung des Zertifikats der Weiterbildung im Bereich Compliance Management an der Universität Genf, für das er bis Ende 2006 Co-Direktor und bis Ende 2015 Mitglied war. Seit 2011 ist Pierre-André stellvertretender Direktor einer Genfer Privatbank und Mitglied des US Program Teams. Gleichzeitig ist er Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses des Institut Supérieur de Formation Bancaire (ISFB). Funktionen, die Lynn Bertholet seit ihrer Umwandlung unter ihrer wahren Identität ausübt.

Werden Sie am Frauenstreik vom 14. Juni 2019 teilnehmen?

Ja, ich werde da sein. Zuerst wollte ich diskret frei nehmen, um teilzunehmen, aus Angst, Farbe zu bekennen, aber nun stehe ich dazu. Ich versuche auch, das Bewusstsein unter meinen Kolleginnen und Kollegen zu schärfen, aber es ist schwierig, im Private Banking feministisch zu sein. Die Männer und auch einige Frauen sind überzeugt, dass das blosse Bestehen eines Gleichstellungsgesetzes ausreicht, um Diskriminierung zu bekämpfen. Das ist nicht der Fall und die Frauen werden am 14. Juni daran erinnern. Es handelt sich nicht um eine linke Forderung, und ich bedauere, dass Unternehmen, die behaupten, sozial verantwortlich zu sein, keine klarere Position zugunsten dieses Frauenstreiks einnehmen. Die Arbeitgeber könnten Arbeitnehmerinnen zur Teilnahme auffordern, sie würden nichts verlieren, denn Frauen haben eine hohe Arbeitsmoral, und ich bin sicher, dass sie die an diesem Tag verpasste Arbeit nachholen würden.

Werden Frauen Ihrer Meinung nach immer noch diskriminiert heutzutage?

Beruflich ist dies immer noch der Fall. In Führungs- und Managementpositionen sind Frauen nach wie vor zu wenig vertreten. Ich fühle mich auch weniger berücksichtigt, seit ich eine Frau wurde – als ob ich nach Jahren der Führung von Teams plötzlich nicht mehr dazu in der Lage wäre! Ich sagte meinem Arbeitgeber: «Wissen Sie, ich hatte keine Gehirnoperation!». Als ich noch Mann war, hatte ich die Interessen der Frauen zugegebenermassen nicht immer berücksichtigt, zum Beispiel, indem ich Sitzungen zu früh am Morgen oder zu spät am Ende des Tages angesetzt habe, was die Mütter einschränkte. Mittlerweile bin ich sensibilisierter diesebezüglich. Es gibt auch das Problem, dass die Karriere von Frauen durch eine Schwangerschaft unterbrochen wird. Die Förderung junger Mütter wird dann behindert, wenn sie nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub unter irgendeinem Vorwand schlicht und einfach entlassen werden! Ich schlage eine einfache Lösung zur Bekämpfung dieser Diskriminierung vor: Es genügt, einen obligatorischen Vaterschaftsurlaub einzuführen, der gleich lange wie der Mutterschaftsurlaub dauert! Zum Beispiel jeweils 9 Wochen! Ich wette, dass dann keine Frau mehr in ihrer Karriere gefeuert oder gebremst wird, weil sie Mutter wurde.

Wie sind Sie sich Ihrer wahren weiblichen Identität bewusst geworden?

Ich habe mich immer wie eine Frau gefühlt, aber ich dachte, dass das Kleiden wie eine Frau eine Art Fantasie oder Laune sei, die ich ausschliesslich in meiner Intimität leben müsse. Damals sprach man noch nicht von Transidentität. Mitte der 1990er Jahre erklärte mir eine besonders ignorante Psychiaterin: «Sie sind nicht homosexuell, deshalb können Sie nicht transsexuell sein!». Heutzutage wissen wir, dass die beiden Dinge nichts miteinander zu tun haben müssen. Erst 2013 während einer Intelligenzanalyse erzählte mir eine Psychologin, dass ich hauptsächlich meine rechte Gehirnhälfte benutze, das heisst, die Hemisphäre, die traditionell als weiblich bezeichnet wird. Daraufhin gestand ich ihr, dass ich mich wie eine Frau fühlte, und sie riet mir, einen Spezialisten aufzusuchen, der eine Geschlechterdysphorie diagnostizierte.

Wie haben Sie Ihre Umwandlung in Ihrem beruflichen Umfeld erlebt?

Eine Umwandlung in der diskreten und eher konservativen Welt einer Genfer Privatbank einzuleiten war nicht selbstverständlich. Zuerst hatte ich grosse Angst; Angst vor dem Verlust meines Arbeitsplatzes, vor Arbeitslosigkeit, sogar vor Sozialhilfe. Mit 55 Jahren einen Job zu finden, ist ohnehin schon schwierig, aber für einen Transgender ist es eine echte Herausforderung! Die Arbeitslosenquote unter den Transgendern ist sechsmal so hoch wie in der übrigen Bevölkerung. Also fing ich diskret an. Ich habe Hormone genommen und viel abgenommen. Ich war sehr blass, weil ich das Bräunen vermied, das mit der Laserhaarentfernung unvereinbar war. Mein Vorgesetzter dachte, dass ich krank sei: Eines Tages fragte er mich, ob ich ein gesundheitliches Problem habe. Wir schlossen uns im Büro ein und ich erklärte es ihm. Er antwortete: «Ich unterstütze dich, aber du musst mit den Partnern der Bank darüber sprechen.»

Wie haben die Partner der Bank reagiert?

Ich wurde von zwei Partnern empfangen, die mich fragten: «Was erwarten Sie von uns?» Ich sagte: „Ändert nichts! Nicht die Bank muss sich ändern, sondern ich verändere mich!» Sie waren sehr offen und ich muss sagen, dass ich unterstützt wurde. Ich habe meinem Arbeitgeber nichts vorzuwerfen, obwohl ich im Nachhinein denke, dass wir es alle besser hätten machen können. Die Bank organisierte einen Aperitif, zu dem sie alle Kolleginnen und Kollegen einlud, mit denen ich regelmässig zusammenarbeitete. Der Senior Partner fragte mich, ob ich möchte, dass er bei dieser Versammlung anwesend ist. Ich stimmte zu, weil es für mich die Anerkennung der Akzeptanz durch das Management bedeutete. Zu Beginn wandte sich der Senior Partner an meine Kolleginnen und Kollegen und sagte ihnen: «Wir haben euch zusammengebracht, um euch ein strategisches Projekt der Bank zu präsentieren, aber Pierre-André Bertholet wird es euch vorstellen.» Natürlich waren die Leute überrascht, und das umso mehr, als ich ihnen von meiner Reise zur Geschlechtsumwandlung erzählte. Die Bank verlangte, dass ich erst an dem Tag, an dem meine weibliche Identität formalisiert wurde, als Frau zur Arbeit komme. Am 30. Oktober 2015 verliess Pierre-André das Büro in Anzug und Krawatte, am 9. November kehrte Lynn ins Büro zurück. Im Rückblick mag dies ein Fehler gewesen sein, denn einige Kollegen waren von einer so plötzlichen Veränderung schockiert, obwohl die Bank eine Mediatorin für die Mitarbeitenden zur Verfügung gestellt hatte, die über meine Ümwandlung sprechen wollten oder Schwierigkeiten hatten, diese zu akzeptieren. Es wäre sicherlich für einige von ihnen einfacher gewesen, meine Fortschritte schrittweise zu verfolgen, aber weder die Bank noch ich hatten damals genügend Erfahrung diesbezüglich.

Und heute, wie leben Sie Ihr neues Leben?

Ich habe ein neues Leben begonnen. Ich lebe mein Leben als Frau in vollen Zügen. Beim Geschlechtswechsel verspürte ich die Notwendigkeit, alles in meiner Wohnung zu renovieren und umzubauen, ich kaufte auch ein neues Auto, kleiner und umweltfreundlicher. Nun bin ich auch sehr engagiert, die Transidentität bekannt und akzeptiert zu machen. Ich habe den Verein Epicène gegründet, der die Gleichstellung von Transgendern in allen Bereichen der Gesellschaft fördert. Ich halte auch Konferenzen zu diesem Thema ab und helfe Unternehmen, sich mit den Fragen der Umwandlung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen.